Fragen und Antworten Teil 2
Kann uns das Laufen von Frustration und Ärger befreien?
Sri Chinmoy (SC): Laufen ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, von Frustration und Ärger frei zu werden. Wenn du wirklich auf jemanden wütend bist, geh laufen! Nach einer Meile wirst du sehen, dass dein Ärger verschwindet, entweder weil du ganz erschöpft bist oder weil die Befriedigung, die du durch die körperliche Betätigung erhältst, deine Ärger ersetzt hat.
In Indien pflegte uns einer meiner Lehrer zu sagen, wir sollten auf der Stelle joggen, wenn wir wütend sind. Anstatt uns zu empfehlen, zu beten, empfahl er seinen Studenten zu joggen. Er sagte immer, es müsse keine bestimmte Distanz sein. Innerhalb von ein oder zwei Minuten würde all unser Ärger verflogen sein. Er wusste, das Laufen eine wirksame Methode ist, uns von negativen Gefühlen zu befreien.
Wie sollte die Haltung eines Siegers sein?
SC: Die Haltung eines Siegers ist, spirituell gesehen, eine Haltung des Sich-Gebens. Wenn du eine aufrichtige selbsthingebende Haltung besitzt, dann bist du mehr als bereit, deine eigene Unwissenheit zu besiegen. Im normalen Leben versuchen wir zu siegen, indem wir andere schlagen. Im spirituellen Leben versuchen wir zu siegen, indem wir das Nichtstrebende und Ungöttliche in uns besiegen. Die Haltung eines Siegers entspricht unserem Eifer, die Eigenschaften zu besiegen, die uns keinen Fortschritt bringen.
Gibt es für einen ernsthaften Läufer einen Unterschied zwischen Strebsamkeit und Ehrgeiz?
SC: Es gibt einen großen Unterschied zwischen Strebsamkeit und Ehrgeiz. Wenn ein Läufer an die Grenzen seiner Fähigkeiten vorstoßen und sein schnellstes Lauftempo erreichen möchte, ist dies Strebsamkeit. Mit Ehrgeiz ist sofort eine Art Rivalität verbunden. Ein ehrgeiziger Mensch möchte in allem der Beste sein, ein strebsamer sagt jedoch: „Ich werde mein Bestes tun und regelmäßig laufen. Das Resultat überlasse ich völlig dem Höchsten.“
Manchmal erscheint mir das Laufen wie eine Metapher für das Leben. Wir geben alle unser Bestes, um unseren persönlichen Zielen entgegenzulaufen. Dabei müssen wir Eigenschaften entwickeln, die wir auch beim Laufen brauchen, wie z.B. Ausdauer. Können Sie erklären wie Laufen uns helfen kann, ein besseres Leben zu führen?
SC: Wir alle haben ein ähnliches Ziel. Dieses Ziel ist unsere innere Vollkommenheit, die wir alle – jeder auf seine eigene, einzigartige Weise – erreichen werden. Jeder Mensch läuft bewusst oder unbewusst diesem Ziel entgegen. Doch diejenigen, die bewusst laufen, werden das Ziel schneller erreichen als jene, die immer noch am „Schlafen“ sind. Jeder Mensch ist auf dem Weg nach vorne, der eine schneller, der andere langsamer. Manchmal bist du auf deiner „Reise“ inspiriert, weil noch andere mit dir gehen. Ein anderes Mal verfolgst du dein Ziel, den göttlichen Eigenschaften wie Liebe, Wahrheit und Licht näher zu kommen, weil du einen intensiven inneren Schrei besitzt. Es liegt an dir, ob du schnell oder langsam laufen möchtest. Wenn du schnell, schneller und am schnellsten laufen möchtest, dann musst du dein äußeres Leben, dein Leben der Unklarheit, Wünsche, Ängste und Sorgen, vereinfachen. Gleichzeitig musst du dein inneres Leben, dein Leben des Strebens, Dienens und der Erleuchtung verstärken. Manchmal glaubst du, dein Ziel unmittelbar vor Augen zu sehen, obwohl du dich müde fühlst. Du bist müde, weil deine Fähigkeiten begrenzt sind. Dein Verstand will dein Ziel selbst gestalten und deinen Fortschritt messen. Wie bei einem Rennen kannst du kurz vor dem Ziel nicht beliebig schneller werden. Du musst wie ein Läufer darauf achten, dass du nicht aufgibst, bevor du das Ziel erreicht hast.
Wie wichtig ist es für einen spirituell Strebenden, körperlich fit zu bleiben?
SC: Körperliche Fitness ist von großer Bedeutung in unserem Leben. Wenn der Körper in einem guten Zustand ist, können wir all unsere Lebensaufgaben gut verrichten. Daher ist es wichtig, jeden Tag zu laufen oder körperliche Übungen zu machen, um stark, gesund und dynamisch zu werden. Wenn wir körperlich fit sind, wird es uns gelingen, Krankheiten und andere Leiden von uns fernzuhalten.
In der Vergangenheit kümmerten sich die Menschen um die Gesundheit des Körpers, weil sie wussten, dass sie mit einem gesunden Körper länger auf der Erde bleiben konnten. Waren sie spirituelle Menschen, hatten sie das Gefühl, ein gesunder Körper würde ihnen ermöglichen, mit dem Beten und Meditieren für viele Jahre fortfahren zu können. Auch heutzutage wissen wir, wenn der Körper voller Krankheit ist, werden wir nicht fähig sein, gut zu beten und zu meditieren.
Wir haben einen Körper und wir haben eine Seele. Ein spiritueller Mensch muss dem Körper und der Seele die gleiche Bedeutung zumessen. Wenn er nur dem Körper seine Aufmerksamkeit schenkt, wird er physisch sehr stark werden, doch spirituell schwach. Dann wird es für ihn keinen Frieden im Verstand und kein inneres Glücklichsein geben. Andererseits, wenn für ihn nur Gebet und Meditation wichtig sind, und er dabei den Körper vernachlässigt, wird sein Körper kein gutes Instrument sein, um Gott zu enthüllen und zu manifestieren. Wenn er am Morgen versucht zu Gott zu beten, wird er wegen Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder irgend etwas anderem aufhören müssen.
Wenn jemand überhaupt keine Körperübungen macht, dann wird das Physische dunkel, lethargisch und eine wirkliche Hürde für den Strebenden sein. Wenn das physische Bewusstsein nicht strebt, dann wird es von der Seele getrennt bleiben. Dabei kannst du sicher sein, das du nie Vollkommenheit erreichen wirst. Das Physische muss auf seine eigene Weise streben, um seine Fähigkeit zu vergrößern, Licht aufnehmen zu können. Dann wird der Körper seinen Beitrag zum Spirituellen leisten, und du erhältst die Fähigkeit, mehr zu streben und zu manifestieren.
Körperliche Gesundheit und Spiritualität müssen zusammengehen. Es ist, wie wenn man zwei Beine hat. Mit einem Bein kann man nicht gehen; man braucht beide Beine, um sein Ziel zu erreichen.
Ist Laufen ein Ersatz für das spirituelle Leben?
SC: Du gebrauchst den Ausdruck „Spiritualität“. Doch lasst uns in diesem Fall den Ausdruck „Glücklichsein“ verwenden. Viele Leute haben das Laufen als einen sehr wirkungsvollen Weg zum Glücklichsein entdeckt. Laufen fördert nicht nur die Fitness des Körpers, sondern auch diejenige des Vitalen und des Herzens. Manchmal ist der Körper fit zum Laufen, doch der Verstand ist nicht dazu bereit. Ein andermal möchte der Verstand laufen, doch der Körper will nicht. Beim Laufen müssen alle „Familienmitglieder“ zusammenarbeiten: der Körper, das Vitale, der Verstand und das Herz. Mit dem Laufen bietet die Seele allen Teilen unseres Wesens ein Fest an. Ihre Freude wird nicht vollständig sein, wenn auch nur ein Mitglied – der Körper, das Vitale, der Verstand oder das Herz – fehlt. Laufen hält alle Teile unseres Wesens fit, so dass die Seele völliges Glückleichsein erfahren kann.
Haben sportliche Wettkämpfe einen spirituellen Sinn?
SC: Es ist nicht unser Ziel, der beste Sportler der Welt zu werden. Unser Ziel ist es, den Körper gesund zu halten, Dynamik zu entwickeln und dem Vitalen unschuldige Freude zu geben. Unser Ziel sollte es nicht sein, andere zu übertreffen, sondern ständig über unsere eigenen Leistungen hinauszuwachsen. Wir können unser eigenes Potenzial nie richtig einschätzen ohne einen Vergleich zu haben. Wir nehmen also nicht an Wettkämpfen teil, um andere zu besiegen, sondern um unsere eigenen Fähigkeiten zum Vorschein zu bringen. Unsere besten Fähigkeiten kommen nur zum Vorschein, wenn wir mit anderen Sportlern zusammen sind. Sie inspirieren uns, unser höchstes Potenzial zum Vorschein zu bringen, und wir inspirieren sie, ihr höchstes Potenzial zu entwickeln. Man sollte immer ein Ziel haben. Aus diesem Grund veranstalten wir sportliche Wettkämpfe. Ein Ziel zu haben bedeutet nicht, dass wir versuchen müssen, die besten Läufer der Welt zu schlagen – bei weitem nicht. Im spirituellen Leben gibt es keinen Wettkampf. Doch es gibt etwas äußerst Grundlegendes, Notwendiges und Unausweichliches, das wir Fortschritt nennen. Unser Ziel sollte unser eigener Fortschritt sein; und Fortschritt selbst ist die erleuchtendste Erfahrung. Wenn wir nun versuchen, Fortschritt zu machen, uns zu transzendieren, mag der Verstand eines anderen – oder unser eigener – denken, wir würden wetteifern. Im gewöhnlichen Leben kämpfen wir mit anderen, um stärker zu sein. Im spirituellen Leben stehen wir nicht im Wettkampf mit anderen. Wir versuchen einfach, unsere Fähigkeiten zu transzendieren. Wir können uns als zwei Hälften sehen: Unvollkommenheit ist die eine Hälfte, und unser aufrichtiger Schrei nach Vollkommenheit ist die andere Hälfte. Die eine Hälfte ist Schwäche, die andere Hälfte ist Stärke. Lasst uns mit unserem inneren Schrei nach Vollkommenheit unserer Bestimmung entgegenlaufen und das Erleuchtungsufer erreichen. Wenn unser Wesen völlig erleuchtet ist, haben dunkle, unwissende Kräfte Angst, in unsere Nähe zu kommen. Bevor wir das Ziel erreicht haben, fordern sie uns heraus. Haben wir einmal das Erleuchtungs-Ziel erreicht, wagen die Unwissenheits-Kräfte es nicht mehr, in uns einzudringen, denn sie fühlen, das sie völlig zerstört werden. Sie wissen nicht, dass sie nur transformiert und erleuchtet werden.
(In: Sri Chinmoy, Sport & Meditation, 1990)
Surasa
